Mich verletzlich zu zeigen, ist mein Wunsch. Dann bin ich ganz offen für das Leben, denn ich zeige mich nicht nur in den Momenten, in denen ich stark bin. Ich zeige mich gerade in den Momenten, in denen ich unsicher bin. Das braucht Mut und darum ist es so kostbar. Doch auch mir fällt es schwer, mich ganz mit meiner Geschichte zu zeigen, warum ist das so?

Wenn wir heutzutage Bilder in Social Media posten, schauen wir, dass wir lachen, gut aussehen, ein Bild von uns kreieren, dass wir unverwundbar und all-zeit-happy sind. Wir zeigen uns in unseren glücklichsten Momenten, sodass man nach außen hin denken könnte, dass alle Menschen immer nur glücklich sind. Wir zeigen, was für tolle Leben wir führen. Was wäre jedoch, wenn wir uns verletzlicher und mit unseren ganzen Gefühlen zeigen zeigen würden?

Im Buch von Russ Harris „The Happiness Trap“ schreibt er so schön: „The other far-less common meaning of happiness is „living a rich, full, and meaningful life“. (…) And although such a life will undoubtedly give us many pleasurable feelings, it will also give us uncomfortable ones, such as sadness, fear, and anger. (…) The reality is, life involves pain. (…) The good news is that, although we can’t avoid such pain, we can learn to handle it much better – to make room for it, reduce its impact, and create a life worth living despite it.“

Ich möchte dich ermutigen, dich auch mit genau diesen „unerwünschten“ Gefühlen zu verbinden:

Wir verlieren unseren Bezug zu unseren Gefühlen. Denn wenn wir unglücklich sind und trotzdem lächeln, merkt das Gegenüber oft, dass etwas nicht stimmt. Wir wirken unauthentisch. Energetisch ist nämlich spürbar, dass es eine Diskrepanz zwischen den Worten/dem äußerlichen Eindruck und der Energie, die hinter diesen Worten steht, gibt. Wir leben im ständigen Beweisen und das baut Druck auf. Außerdem verlieren wir den Bezug zu uns und der Realität. Kein Mensch ist immer glücklich und zeigen wir nur diese Seite ist unser Leben doch nur halb so schön. Wenn wir auch unsere Tiefen teilen, dann schaffen wir ein Feld der Verbundenheit, denn wir wirken menschlich. Dann teilen wir die wahren Schätze in unserem Leben, die uns kernig machen, die uns geprägt haben.

Mir ist es bewusster geworden denn je, seitdem ich Mama bin. Jeder erzählt immer nur von den tollen Seiten des Mama seins aber nicht auch davon, wie erschöpfend es sein kann. Wie schmerzhaft es ist das Kind den ganzen Tag zu tragen, gerade in der ersten Zeit keinen Raum mehr für sich selbst zu haben. In der ersten Zeit nach der Geburt schmerzt der ganze Körper und viele hadern zunächst mit dem Stillen. Mir ging es auch so. Wie unsicher ich mich in der ersten Zeit mit Kind gefühlt habe, ganz verwundbar. Alles war zum ersten Mal – zum ersten Mal in der Öffentlichkeit stillen, zum ersten Mal alleine Autofahren mit Kind, zum ersten Mal das Kind mit ins Restaurant nehmen. Immer das Gefühl von Unsicherheit, Aufgeregtheit und im Nachhinein nach diesen Adrenalinschüben – Erschöpfung und Erleichterung es geschafft zu haben. Wenn das kleine Wesen anfängt zu weinen, schoss weiteres Adrenalin durch meinen Körper, denn schließlich wollte ich es glücklich machen, das kleine, unschuldige, zerbrechliche Wesen. Bis ich zu dem Punkt kam, dass diese neuen Situationen wieder zur Gewohnheit wurden und ich verstand, dass man den kleinen Mensch da gegenüber nicht glücklich machen kann. Dass man auf ihn eingeht, seine Bedürfnisse versucht zu verstehen und zu stillen, aber ihn nicht glücklich machen kann. Es gibt viele der wunderschönen Momente, aber genauso viele anstrengende Momente. Momente, in denen man weint, verzweifelt ist und einfach nicht mehr kann – nur mehr schlafen will.

Verletzlich zu sein, ist kostbar. Sich ungeschminkt zu zeigen, fällt vielen Frauen schwer. Noch schwerer fällt es uns, uns nackt zu zeigen. Nackt mit unseren Gefühlen. Doch was passiert da hinter der Fassade in uns? Wovor haben wir Angst? Dass uns das Gegenüber dann anstrengend findet, dass wir unerwünscht sind, vor Ablehnung und Ausgrenzung, …?

Und was passiert mit der Schönheit dieser Momente unseres Lebens? Momente, in denen wir eigentlich ganz mit einer Facette unserer Gefühle verbunden sind wie Traurigkeit, Wut, Zerbrechlichkeit, Angst..

Was Verletzlichkeit uns schenkt…

Statt einfach nur pauschal gut, schön, alles fein zu antworten, halten wir kurz inne und fragen uns wirklich, wie wir uns gerade fühlen. Wir leben uns ganz in unserer ganzen Lebendigkeit. Klar versetzt du deine Mitmenschen dann auch mal in einen Moment, der für sie vermutlich unangenehm ist, weil sie nicht wissen wie sie mit deinen Gefühlen umgehen sollen. Doch es schafft Verbundenheit, denn jedem geht es mal so. Wir sehen uns im anderen viel mehr wieder. Wir verstehen einander mehr. Wir können mehr aufeinander eingehen, weil wir den anderen immer besser kennenlernen in seiner Ganzheit. Wir können besser kommunizieren, weil wir uns besser kennen. Wir werden tief in uns entspannter, weil wir uns nicht mehr verstecken müssen. Wir können tiefer lieben, weil wir Empathie fühlen.

Verletzlichkeit trägt eine große Schönheit in sich.

Seitdem ich mich vorgenommen habe, mich so gut es geht verletzlich zu zeigen, brauche ich nicht mehr die Starke sein. Ich darf mich zeigen, wie ich gerade bin. Ich empfange viel mehr Hilfe. Ich weiß jetzt, wo ich mich überfordere und langsamer machen darf, weil ich mich immer besser kennenlerne. Das Leben zeigt sich mir seitdem jeden Tag neu. Neu, weil ich Menschen treffe, die zu meinem Überraschen ganz anders auf meine Verletzlichkeit reagieren, als ich es gedacht hätte… Weil ich viel weniger Ängste in mir trage und Vertrauen ins Leben gefunden habe. Schließlich muss ich kein Bild mehr aufrecht erhalten. Und doch fällt es mir in einigen Momenten immer noch genauso schwer wie am Anfang. In manchen Momenten entscheide ich mich, aber dann immerhin bewusst, für die Fassade.

Wie ist es bei dir? Redest du immer nur davon, wie gut es dir geht, lachst in die Kamera, ohne es wirklich zu wollen? Sagst du auch mal, nein, mir ist gerade nicht danach oder machst du einfach immer weiter und mit? Weißt du, wann du das letzte Mal verletzlich warst?

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