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Foto: Jens Johnsson

Kennst du das Gefühl, die erzählt eine Freundin, ein Freund ein schreckliche Geschichte und du weißt, eigentlich müsstest du dich jetzt betroffen fühlen – doch in dir drin fühlst du Ruhe, Stille? Du denkst, irgendetwas ist doch in mir komisch, dass ich diese schlimme Geschichte so gar nicht als schlimm in mir fühle? So erging es mir des öfteren in Gesprächen. Ich dachte, irgendetwas in mir ist abgestorben, ist nicht lebendig, wenn ich keine Wut auf einen schlagenden Mann, oder auf eine ähnlich schlimme Geschichte empfinde.

Dann bin ich über das Buch von Safi Nidiaye – Herz öffnen statt Kopf zerbrechen (auch rechts in meiner Bücherliste) gestoßen. Hier beschreibt sie eine ähnliche Situation, die ich gerne mit euch teilen möchte. Dadurch habe ich verstanden, dass ich absolut gut so bin wie ich bin. Wenn ich nichts negatives in dem Moment fühle, dann hat es einfach nichts mit mir zu tun. Dann ist das auch ok. Dann kann ich authentisch in der Begegnung sein, indem ich mein Gegenüber auf seine Gefühle anspreche und ihn zu seiner Wahrheit begleite. Das finde ich eine wundervolle, offene und ehrliche Kommunikation. Worum geht es in Gesprächen? Darum, dass wir uns näher zu uns selbst kommen, dass wir durch Impulse von außen wieder in den Kontakt mit uns kommen, in unsere eigene Klarheit und wie schön wenn mein ein Gegenüber hat, das neutral sich meine Geschichte anhören kann und mich dann auch noch in meinen Gefühlen begleitet.

von Herzen, Anne

Hier der Abschnitt aus dem Buch:

Sie müssen weder ihr Leben, noch sich selbst und ihre Mitmenschen verändern, Sie müssen nur bewusst werden. Die Veränderung findet dann ganz von selbst statt. Sie müssen auch Probleme nicht lösen, Sie müssen nur bewusst werden. Sie müssen keine Verrenkungen machen, um ein besserer Mensch zu werden, Sie müssen nur bewusst werden.

Was auch immer auftaucht, man nimmt es ganz einfach bewusst wahr (ah, da ist Wut, mal sehen wie diese Wut sich anfühlt), ohne damit identifiziert zu sein (meine Wut auf XY). Das ist der Schlüssel. Das ist die Chance, sich von einem Wesen, das in Gedanken und Gefühlen gefangen ist, in ein Wesen zu verwandeln, das Gedanken und Gefühle bewusst wahrnimmt, beobachtet, zulässt und nicht von ihnen beherrscht wird.

Die Gefühle dürfen dann kommen und gehen, sie dürfen sein – wir kreieren keine Geschichte mehr daraus, wir versuchen sie nicht zu verstehen, wir fühlen einfach nur. Du darfst einfach nur fühlen, geliebtes Wesen. Du wirst bewusst. Du beobachtest was in dir vorgeht und lässt es geschehen – das ist Bewusstsein.

Wenn eine Freundin mir erzählt, dass ihr Mann sie verprügelt und sie ihm anschließend die Hand verbunden und Kaffee gekocht hat, sage ich, wenn ich meine Bewusstheit nicht eingeschaltet habe, vielleicht: „Ich könnte verrückt werden vor Wut, wenn ich mir das anhöre.“

Wenn meine Freundin dann „Wieso?“ fragen würde, könnte ich zum Beispiel antworten: „Du bist vielleicht komisch! Lässt dich von deinem Mann verprügeln, und anstatt ihn hinauszuwerfen und anzuzeigen, verbindest du ihm die Hand, mit der er dich geschlagen hat, und kochst ihm auch noch einen Kaffe!“

Bei eingeschalteter Bewusstheit würde ich sinngemäß sagen: „Während du mir diese Geschichte erzählt hast, habe ich große Wut gespürt… Ich glaube, ich bin deshalb so wütend, weil da ein Gefühl von Ohnmacht, Demütigung und Ungerechtigkeit ist und weil ich das nicht fühlen will. Ich weiß nicht, ob ich da deine Gefühle aufnehme, oder ob es meine eigene Reaktion auf deine Geschichte ist.“

Mit der ersten „normalen“ Reaktion identifiziere ich mich mit der Wut der Freundin und mit meiner eigenen. Ich verzichte auf die Chance, den Schmerz hinter der Wut zu entdecken. Ich unterstütze sie darin, sich mit einem Teil ihrer selbst zu identifizieren, anstatt bewusst zu werden. Mit der zweiten Reaktion identifiziere ich mich nicht mit einem Gefühl, sondern bleibe die Wahrnehmende. Meine Freundin könnte sich in der Beschreibung meiner Gefühle erkennen und auf diese Weise ihre eigenen Gefühle wahrnehmen.

You know the truth by the way it feels.

Blessings